Wenn das Blaulicht aufleuchtet und das Horn ertönt, zählt jede Sekunde. Von aussen wirkt eine Ambulanzfahrt oft nach Hektik, Tempo und Adrenalin. Hinter dem Lenkrad sieht die Realität anders aus: Es geht um Kontrolle, Übersicht und Verantwortung.
GO! begleitet heute die TCS-Ambulanz und will wissen, was passiert, wenn aus einer normalen Fahrt plötzlich ein Einsatz mit Sondersignal wird.

Am Steuer sitzt Rettungssanitäterin Edith Bienz. Sie sagt gleich zu Beginn, was der Job nicht ist: «Wenn man nur schnell fahren will und Blaulicht sehen und das Signalhorn hören, dann ist es nicht der richtige Job.»
Denn wer eine Ambulanz fährt, fährt nicht einfach ein grosses Auto. Edith trägt Verantwortung für ihren Teampartner, für den Patienten – und für alle anderen Verkehrsteilnehmer. «Das Fahrzeug hat mehr Gewicht als mein PW, also einen längeren Bremsweg. Es ist auch etwas breiter, ich komme nicht überall durch», erklärt sie.

Dazu komme der Patient, der oft Schmerzen hat oder gesundheitlich angeschlagen ist. «Ich fahre mit 200 Prozent Aufmerksamkeit, dass es denjenigen, die neben mir oder hinten sind, gut geht.»
Der Tag beginnt mit Checklisten
Bevor es überhaupt losgeht, wird kontrolliert. Ist alles Material da? Muss etwas ersetzt oder ergänzt werden? Für Edith und ihren Partner Gian gehört das zur Routine. Die Ambulanz muss jederzeit bereit sein.
Was der Tag bringt, lässt sich nicht planen. Bei heissem Wetter rechnet Edith eher mit Kreislaufproblemen, etwa bei älteren Menschen oder Leuten, die draussen Sport treiben oder im Garten arbeiten. Aber sie sagt auch: «Jeder Einsatz ist sein eigener Einsatz, auch jede Fahrt ist ihre eigene Fahrt.»

Lange warten müssen die beiden nicht. Der erste Einsatz führt in eine Praxis ausserhalb des eigentlichen Einsatzgebiets. Ein Patient ist gestürzt und klagt über Schmerzen. Die Ambulanz fährt hin – aber ohne Sondersignal.
Nicht jeder Einsatz ist ein Blaulichteinsatz
Ob Blaulicht und Horn eingeschaltet werden, entscheiden nicht die Rettungssanitäter selbst. Diese Einschätzung kommt von der Sanitätsnotrufzentrale, kurz SNZ. Edith erklärt: «Je nach Hinweis oder Aussage, die sie von den Patienten oder den Anrufern erhalten haben, entscheiden sie: Ist es ein Hinweis für Sondersignal oder ohne?»
Der erste Fall ist nicht lebensbedrohlich. Trotzdem soll der Patient zur Kontrolle ins Spital. Für Edith heisst das: möglichst ruhig und patientenschonend fahren. Denn der Patient sitzt rückwärts. Kurven, Schlaglöcher und Vibrationen können Schmerzen verstärken oder Übelkeit auslösen. «Es ist immer mein Ziel, wenn ich fahre, dass es den Patienten gut geht», sagt Edith.

Die Fahrt selbst verläuft ruhig. Schwieriger wird es erst beim Spital: Die Notfallzufahrt ist voll, mehrere Ambulanzfahrzeuge stehen bereits dort. Edith parkiert deshalb ausnahmsweise auf einem Behindertenparkplatz. «Grundsätzlich meiden wir, wenn es geht, die Behindertenparkplätze», sagt sie. Heute bleibt ihr keine andere Möglichkeit.
Dann kommt der P1-Einsatz
Gerade als eine Pause möglich scheint, kommt der nächste Alarm. «Das ist ein P1», sagt Edith. P1 steht für die höchste Dringlichkeitsstufe.
Doch Hektik bricht auch jetzt nicht aus. Im Gegenteil. Der Leitsatz des Teams lautet: «Wenn es pressiert, mach langsam.» Edith schaltet das Blaulicht ein, das Horn aber noch nicht. Im Quartier will sie Rücksicht auf die Nachbarschaft nehmen. Erst später, beim Kreisverkehr, kommt das Horn dazu.

Beim Notfall handelt es sich um Herzprobleme bei einem älteren Mann. Die Praxis ist für diesen Fall nicht ausreichend ausgerüstet, der Patient muss schnellstmöglich ins Spital. Auf der Fahrt meldet Edith der SNZ, dass sie mit Sondersignal unterwegs ist. So ist die Fahrt registriert und nachvollziehbar.
Mit Blaulicht habe man zwar gewisse Sonderrechte, sagt Edith. Aber: «Man darf sie nicht erzwingen.» Genau deshalb sei die Konzentration am Steuer noch höher. Sie muss ständig damit rechnen, dass andere Verkehrsteilnehmer anders reagieren als erwartet.
Wenn Autofahrer plötzlich falsch reagieren
Besonders gefährlich wird es, wenn Menschen in Panik geraten. Manche wissen nicht, wohin sie ausweichen sollen. Andere bleiben mitten auf der Strasse stehen. Wieder andere bemerken die Ambulanz zu spät, weil sie zu wenig in den Rückspiegel schauen oder die Musik im Auto zu laut ist.

Edith erinnert sich an eine Situation auf der Autobahn. Sie war mit Sondersignal auf der linken Spur unterwegs, der Verkehr fuhr rund 120 km/h. Vor ihr befand sich nur noch ein Auto. Statt Platz zu machen, zog der Fahrer nach links Richtung Leitplanke und hielt an. «Ich musste eine Vollbremsung machen», sagt Edith. Nach rechts konnte sie nicht ausweichen, dort war Verkehr. «Da hat man schon fast einen Herzstillstand.»
An diesem Tag ging alles gut. Auch weil ihr Teampartner angeschnallt sass und nicht stehend am Patienten arbeitete. «Ich war mega froh», sagt Edith.
Während der P1-Fahrt zeigt sich, wie viel gleichzeitig passiert: Edith beobachtet Autos, Lastwagen, Velofahrer, Schüler, Fussgänger und den Gegenverkehr. Sie wechselt auf die Busspur, überfährt zeitweise die Sicherheitslinie und muss dabei jederzeit sicher sein, niemanden zu gefährden. Gerade im Schulhaus-Bereich reduziert sie das Risiko bewusst. «Ich kann andere Verkehrsteilnehmer nicht einfach wegputzen. Die sind genauso im Verkehr wie wir eben auch.»
Blaulicht ist keine Lizenz zum Rasen
Am Ende wird klar: Eine Ambulanzfahrt mit Sondersignal ist nicht einfach schneller Verkehr. Es ist eine hochkonzentrierte Fahrt unter Druck. Die Rettungssanitäter müssen schnell sein, aber nicht um jeden Preis. Sie müssen Leben retten, ohne andere zu gefährden.

Für Edith war es am Ende ein guter Tag. Nicht, weil alles spektakulär war, sondern weil alles sicher blieb. «Wir sind ein paar Einsätze gefahren. Wir haben keinen Unfall gehabt, die Patienten waren zufrieden, es sind alle sicher ins Spital gekommen», sagt sie. «Da bin ich mega froh, kann ich jetzt so nach Hause gehen.»
Und genau das zeigt vielleicht am besten, worum es in diesem Beruf wirklich geht: nicht um Blaulicht, nicht um Tempo, nicht um laute Hörner – sondern darum, dass alle sicher ankommen.












