Schau das Video
China ist für viele Länder der wichtigste Handelspartner. Auch für Deutschland. Besonders für die Autoindustrie.Doch genau dort schrillen die Alarmglocken. Die deutschen Premiummarken verlieren in China spürbar an Boden. Und das trotz Rabatten von bis zu 40 Prozent.
Ein Beispiel, das aufhorchen lässt: Mercedes soll im Oktober 2024 keinen einzigen EQE SUV verkauft haben. Nicht einen.
«Einstieg ins Elektro verpasst»
GO! hat bei Markus Rach nachgefragt. Er pendelt zwischen China und der Schweiz und kennt beide Märkte.
Für ihn ist die Hauptursache klar: Die deutschen Hersteller hätten den Umstieg auf Elektro verschlafen.
«Die haben den Einstieg ins Elektro verpasst. Vollkommen verschlafen, Dornröschenschlaf!», sagt Rach. Und er legt nach: Man komme mit einer «veralteten Produktpalette» in einen Markt, in dem die Kundschaft längst weiter ist.
Sein Vorwurf trifft den Kern des Premium-Arguments: «Premiummarken, die Premium im Preis fordern, aber das Premium auf Produktseite nicht mehr bieten.» Kurz: nicht mehr sexy, dafür überteuert.
Chinas Vorteil: Die Schlüsselteile kommen aus dem eigenen Land
Wie konnte es so weit kommen? Rach sieht neben dem Timing einen zweiten, strukturellen Grund: China kontrolliert zentrale Komponenten der Elektromobilität.
«Diese Umstellung der Antriebsart auf Elektro, die hat das Feld eröffnet. China hat es geholfen, weil man sich strategisch vorbereitet hat.» Vor allem bei Batterien sei die Dominanz riesig: «Batterieherstellung, wer ist global führend? Das ist China.» Damit seien Lieferketten im Land aufgebaut worden, die man «kontrolliert und managt».
Und das macht unabhängig von Importen. Ein Vorteil, der sich im Alltag direkt in Preis, Tempo und Produktentwicklung zeigt.
Politik als Turbo: Subventionen, Wettbewerb, Tempo
Rach betont auch die Rolle der Regierung. In China steuert Politik die Wirtschaft stärker als in Europa.
«In China spielt die Politik eine grosse Rolle», sagt er. Subventionen und Finanzspritzen würden den Sektor anfeuern – und gleichzeitig den Wettbewerb im Land zulassen.
Das Ziel sei klar: Am Ende soll das beste Produkt oben stehen. Und dieses «beste Produkt» komme derzeit immer öfter aus China – nicht aus Deutschland.
Früher Statussymbol – heute nicht mehr überzeugend
Vor 20 Jahren war das Bild noch ein anderes. Europäische Marken standen in China für Status, Qualität und Image.
«Man wollte ein europäisches Fahrzeug, um zu zeigen, dass man einen gewissen Stellenwert in der Gesellschaft erreicht hat.»
Heute sei das schwieriger zu rechtfertigen: «Mittlerweile ist es leider so, dass europäische Marken Premium nicht mehr rechtfertigen.»
Junge Käufer wollen BYD, Geely oder Nio
Vor allem junge Chinesinnen und Chinesen greifen lieber zu heimischen Marken wie BYD, Geely oder Nio.
Der Grund ist nicht nur der Preis. Es ist auch Stolz – und das Gefühl, dass lokale Produkte mithalten oder sogar voraus sind.
«Die Ansprüche haben sich verändert. Man ist mittlerweile stolz auf nationale und lokal hergestellte Produkte.» Und: Diese Marken hätten «Qualitätsanspruch», «Innovation-Fortschritt» und inzwischen auch «Markenglanz».
Innovation schlägt Metallic-Lack
In China zählt Tempo. Neue Technik. Neue Features. Und das zu Preisen, die erreichbar bleiben.
Rach bringt es auf den Punkt: «Ich gewinne langfristig nicht mit einer Metallic Lackierung.» Entscheidend sei Innovation – und zwar so, dass Konsumenten das Gefühl haben, vorne dabei zu sein.
«Man will das neueste zu erschwinglichen Preisen. Man will Vorreiter sein.»
Marktanteile sinken – und das tut weh
Warum ist das so schlimm? Weil China der grösste Automarkt der Welt ist: über 30 Millionen Fahrzeuge.
Wer China dominiert, prägt die globale Autowelt. Genau diesen Markt verlieren die Europäer aber an einheimischen Marken. Rach nennt eine Zahl, die den Trend illustriert: Europäische Hersteller hätten 2019/2020 knapp 25 Prozent Marktanteil gehabt. Jetzt seien es noch 15 Prozent. «Ein deutlicher Abfall in wenigen Jahren.»
Ist das der Tod der deutschen Autoindustrie?
Rach glaubt nicht an den totalen Kollaps. Aber er warnt: «Europäische Herstellern können überleben ohne den chinesischen Markt», sagt er. «Aber wenn man den gesamten Absatz anschaut, fällt natürlich ein beträchtlicher Teil weg.»
Und im Elektrobereich sei die Lage besonders heikel: «Wenn heute die deutschen Hersteller vom Elektromarkt verschwinden würden, in China würde es die wenigsten merken.» Weil die Umstellung auf deutsche E-Fahrzeuge «zum grossen Teil gar nie stattgefunden hat».
Europa bleibt Rückhalt – aber der Druck steigt
In der Schweiz und in Europa haben chinesische Marken aktuell noch einen schwierigeren Stand. Das hilft den Deutschen kurzfristig.
Doch klar ist auch: Die Zeit, in der Porsche, Audi, Mercedes und Co. in China mit scheinbar endlosem Wachstum rechnen konnten, ist vorbei. Und wenn die deutsche Autoindustrie wieder vorne mitspielen will, dann nicht mit Floskeln. Sondern mit echter Veränderung.
«Man muss da diese Dynamik reinbringen und beginnen zu handeln. … Man braucht ein Wandeln, einen Wechsel … im grossen Stil.»
