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Opel in der Krise: Warum die Marke ihren schlechten Ruf bis heute nicht los wird

Opel war in der Schweiz einst grösser als VW, BMW oder Mercedes. Heute leidet die Marke noch immer unter einem schlechten Ruf. Für Sämi ist klar: Der Imageschaden hat historische Gründe – aber zu den heutigen Autos passt er nur noch bedingt.

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«Heute kann man sich das kaum noch vorstellen, aber Opel war mal die Marke in der Schweiz», sagt Sämi. Tatsächlich blickt Opel auf eine aussergewöhnliche Geschichte zurück.

Die Marke begann im 19. Jahrhundert mit Nähmaschinen, baute später Fahrräder und stieg danach ins Autogeschäft ein. Schon früh gehörte Opel zu den Pionieren der Industrie und führte 1924 als erster europäischer Hersteller die Fliessbandproduktion ein.

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Opel baute zuerst Nähmaschinen, bevor sie mit der Produktion von Autos gestartet haben. Quelle: Opel

«Vor etwa 100 Jahren war Opel ein Aushängeschild für deutsche Ingenieurskunst», sagt Sämi. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand Opel im Sog des deutschen Wirtschaftswunders zu alter Stärke zurück.

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Der Kadett war eines der beliebtesten Opel-Modelle. Quelle: Opel

Spätestens ab den 60er-Jahren gehörte die Marke zu den ganz Grossen – mit prestigeträchtigen Limousinen, sportlichen Coupés und praktischen Alltagsautos für die breite Bevölkerung.

Vom Inbegriff der Zuverlässigkeit zum Problemfall

Dass Opel heute mit einem Imageproblem kämpft, zeigt für Sämi eine persönliche Geschichte besonders deutlich. Als sein Vater vor einigen Jahren ein neues Auto brauchte, bot er ihm seine Hilfe an. Es gab eine Einschränkung: bitte alles, nur keinen Opel.

«Wenn jemand, dem es eigentlich nicht egaler sein könnte, was er fährt, keinen Opel will, dann zeigt das ein grundlegendes Problem in der Wahrnehmung einer Marke», sagt Sämi.

Der Ursprung dieses Problems liegt für ihn vor allem in den späten 80er- und 90er-Jahren. Damals strich General Motors Oberklasse- und Sportmodelle zusammen und sparte bei den Volumenmodellen so stark, dass die Qualität litt.

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Nach der Übernahme von GM litten die Opel-Modelle unter schlechter Qualität … Quelle: GO!

«Das war eine ganz schlimme Sünde. Plötzlich war ‹der Zuverlässige› fehleranfällig und hatte Rost. Das hat den Ruf der Marke nachhaltig beschädigt», sagt Sämi. «Mir taten die Opel-Leute immer leid, die konnten nichts dafür. Ihnen wurde der radikale Sparkurs aufgezwungen.»

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… Und wurden unter anderem rostanfälliger. Quelle: GO!

GM schadete Opel über Jahrzehnte

Die Übernahme durch den amerikanischen Konzern General Motors im Jahr 1929 markierte für Opel langfristig einen Wendepunkt. Zwar blieb die Marke zunächst innovativ, doch später wurde sie laut Sämi im Konzern zunehmend ausgebremst.

Besonders bitter: Opel entwickelte innerhalb des Konzerns viel Technik für kompakte und mittelgrosse Fahrzeuge, von der später andere Marken profitierten.

«Opel hatte im Konzern am meisten Know-how bei Frontantriebsautos. Sie waren verantwortlich für die Entwicklung von kompakten und mittelgrossen Fahrzeugen für den ganzen Konzern», sagt Sämi. «Sie hatten aber nichts davon, weil diese Autos auf anderen Kontinenten dann als Buick oder Chevrolet verkauft wurden.»

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GO! Chefredaktor Sämi Pfister hat die Geschichte von Opel genau studiert. Quelle: GO!

Mit der Finanzkrise ab 2009 verschärfte sich die Lage zusätzlich. GM musste gerettet werden, sparte brutal, Werke wurden geschlossen, Marken gestrichen. Auch in der Schweiz ging das Vertrauen verloren.

«Die Händler hatten Angst, dass auch Opel verschwindet, und haben angefangen, andere Marken ins Sortiment zu nehmen. So hatte Opel im eigenen Showroom plötzlich Konkurrenz», sagt Sämi.

Die Autos waren oft besser als ihr Ruf

Das Tragische aus Sicht von Sämi: Gerade gegen Ende der GM-Zeit waren viele Opel-Modelle fahrerisch längst wieder überzeugend.

«Ich kann mich an mehrere Opel erinnern, die ich fuhr und mir dachte: Warum hacken alle auf diesen Autos herum? An den Fahrzeugen kann es nicht liegen.»

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Der Opel Insignia gibt es nur noch als Occasion-Wagen. Quelle: Opel

Vor allem die letzten eigenständig entwickelten Modelle hätten gezeigt, dass Opel mehr konnte, als ihm viele zutrauten. «Fahrt mal einen Astra OPC oder einen Insignia, dann seht ihr, was ich meine.»

Unter Stellantis fehlt etwas Eigenständigkeit

2017 trennte sich GM schliesslich von Opel. Die Marke kam erst zu PSA und später in den neu entstandenen Stellantis-Konzern. «Sicher ist es gut, dass Opel nicht mehr bei GM ist, weil die Amerikaner diese Marke jahrzehntelang heruntergewirtschaftet und beschädigt haben.»

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Die Übernahme von Opel durch Stellantis hat Vor- und Nachteile. Quelle: GO!

Einfach ist die Lage aber auch im neuen Konzern nicht. Opel ist heute eine von vielen Marken und teilt sich Technik und Plattformen mit Peugeot, Citroën oder DS. Wirklich einzigartig ist das nicht – aber für Sämi auch kein Grund zur Empörung.

«Die Technik von diesem Auto gibt es auch bei Peugeot, Citroën oder DS. Aber ist das so schlimm? VW macht das seit Jahrzehnten so, und dort beschwert sich auch niemand.»

Der Grandland steht für einen soliden Neuanfang

Am Beispiel des neuen Opel Grandland zeigt sich für Sämi gut, wo Opel heute steht. Das SUV ist kein Geniestreich, aber ein grundsolides Mittelklasseauto, das vieles richtig macht.

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Der Opel Grandland zeigt, wo Opel heute steht. Quelle: GO!

«Es ist ein gutes Mittelklasse-Auto mit einem anständigen Preis. So gesehen ist es ein richtiger Opel.» Dazu kommt eine alte Stärke der Marke: das Fahrwerk. Gerade weil Opel in schwierigeren Jahren oft mit wenig Budget auskommen musste, hätten die Ingenieure gelernt, aus einer Basis besonders viel herauszuholen.

Der alte Glanz kommt wohl nicht zurück

Ganz nach oben wird Opel wohl trotzdem nie mehr zurückkehren. Dafür hat sich der Markt zu stark verändert, und der Imageschaden sitzt zu tief.

Trotzdem findet Sämi, dass es höchste Zeit ist, die Marke fairer zu beurteilen. Sein Appell ist klar: Wer heute ein Auto in dieser Klasse sucht, sollte Opel nicht reflexartig von der Liste streichen.

«Ich finde, es wäre schon lange überfällig, dass dieser schlechte Ruf endlich beerdigt wird», sagt der GO! Chefredaktor. «Ignoriert Opel nicht, macht eine Probefahrt. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele positiv überrascht sein werden. Ich finde, die Marke hat das verdient.»