Raphael Murri kennt sich mit automatisiertem Fahren aus. Der Professor für Fahrzeugtechnik an der Berner Fachhochschule testet solche Systeme normalerweise auf abgesperrten Testgeländen. Doch in Regensdorf erlebt er eine Premiere: Er sitzt erstmals in einem selbstfahrenden Auto, das im öffentlichen Verkehr unterwegs ist.

«Für mich ist es speziell, dass ich das tatsächlich mal im öffentlichen Verkehr fahren kann», sagt Murri. «Wir testen solche Fahrzeuge in einer geschützten Umgebung. Hier kommen möglicherweise Überraschungen wie Velo, Fussgänger und andere Verkehrsteilnehmer.»
Genau darum geht es beim Projekt «iamo». Das Fahrzeug soll nicht nur auf dem Testgelände funktionieren, sondern auch im Alltag. Noch befindet sich das Projekt aber im Versuchsstadium. Deshalb sitzt weiterhin eine Person hinter dem Lenkrad, die im Notfall eingreifen kann. Die Fahrt selbst absolviert das Auto automatisiert.
Sicher, aber sehr vorsichtig
Schon beim Losfahren fällt Murri auf, dass das Auto nicht zögerlich wirkt. «Das Losfahren finde ich sehr angenehm. Er wartet nicht zu lange und fährt recht bestimmt los», sagt er.
Das Fahrzeug fährt eine definierte Strecke ab und reagiert dabei selbständig auf den Strassenverkehr.

Besonders spannend wird es, als ein Hindernis auftaucht. Das Auto muss entscheiden, ob es ausweichen kann. Ein Lastwagen hat auf der Strasse angehalten.
«Das ist sicher nicht eine normal programmierte Situation», sagt Murri. «Das Auto hat es praktisch so gemacht, wie wir es auch machen würden: Es hat analysiert, gesehen, da ist ein Hindernis, das ich umfahren kann. Es kommt nichts entgegen. Es hat den Blinker gesetzt, ist neben durch. Tiptop.»
Ganz ohne Kritik bleibt die Fahrt aber nicht. Beim Rechtsabbiegen dürfte das Auto aus Sicht des Experten etwas flotter einspuren. Auch bei der Ampel ist es ihm fast zu vorsichtig. «Er ist schon sehr defensiv unterwegs», sagt Murri. «Bei der Ampel, wo er eine Wagenlänge vor dem Strich anhält, würde ich hinter ihm schon etwas nervös.»

Trotzdem fühlt sich Murri sicher. Das Fahrzeug wirke bestimmt und nicht unsicher. Es sei einfach klar auf Sicherheit programmiert. «Es fährt sehr ruhig und zurückhaltend. Es checkt vorher gut ab, bevor es wieder beschleunigt.»
Wo der Mensch anders fahren würde
Der grösste Unterschied zum menschlichen Fahrer zeigt sich für Murri in kleinen Alltagssituationen. Wenn eine Einfahrt oder Seitenstrasse kommt, bremst das Auto ab und prüft die Situation sehr genau.
«Als Mensch wäre ich dort einfach bereit, würde aber durchziehen», sagt Murri. «Beim Fahrzeug merkt man, es verlangsamt und gibt erst wieder Gas, wenn die Situation 100 Prozent sicher ist.»

Auch in engen Kreuzungssituationen würde ein Mensch oft flüssiger weiterfahren. Das selbstfahrende Auto hingegen nimmt Tempo heraus und wartet, bis die Lage eindeutig ist. Für Murri ist das nachvollziehbar, aber noch nicht ganz natürlich.
«Verglichen mit einem menschlichen Fahrer stört mich das Zögern während dem Fahren noch ein bisschen», sagt er.
Nicht für die Innenstadt gedacht
In China und den USA sind selbstfahrende Fahrzeuge bereits auf öffentlichen Strassen unterwegs. In der Schweiz geht man vorsichtiger vor. Auch das Einsatzgebiet ist anders gedacht. Beim Projekt «iamo» stehen nicht die grossen Innenstädte im Fokus, sondern die Agglomeration.
Julian Renninger, Projektverantwortlicher bei der SBB, sieht genau dort das Potenzial. «Wir glauben, das ist das optimale Einsatzgebiet für automatisierte Fahrzeuge der Zukunft», sagt er.

Klassische Robo-Taxis in Innenstädten hält er für die Schweiz nur bedingt sinnvoll. Schweizer Städte seien oft eng gebaut, historisch geprägt und hätten bereits einen starken öffentlichen Verkehr. «Solche Fahrzeuge führen zu mehr Verkehr und sie stehen im Stau. Sie bieten also keinen Mehrwert.»
In der Agglomeration könne das anders aussehen. Dort könnten automatisierte Fahrzeuge Lücken im öffentlichen Verkehr schliessen und ein zusätzliches Angebot schaffen.
«Riding is believing»
Momentan befindet sich das Projekt in der Testphase. In einer nächsten Phase soll die Öffentlichkeit das Fahrzeug selbst ausprobieren können. Für Renninger ist das zentral. Denn viele Menschen seien skeptisch, solange sie die Technik nur aus der Distanz kennen.
«Wir haben bei uns den Begriff ‹Riding is believing›», sagt Renninger. «Vorher gibt es oft grosse Skepsis und Unsicherheit. Wenn man dann drin ist, ist klar: Ah krass, es geht ja wirklich.»

Das Projekt soll deshalb nicht nur Technik testen, sondern auch eine Diskussion ermöglichen. Menschen sollen erleben können, wie sich automatisiertes Fahren tatsächlich anfühlt.
Kinder am Strassenrand als Härtetest
Eine Situation bleibt Murri besonders in Erinnerung: eine Gruppe Kinder am Strassenrand. Für jeden Autofahrer ist das ein Moment, in dem besondere Vorsicht gefragt ist.
«Jeder, der Auto fährt, weiss: Eine Gruppe Kinder am Strassenrand ist unberechenbar», sagt Murri. «Da schiesst plötzlich eines raus, und da muss man bereit sein.»
Das Fahrzeug habe die Situation ruhig gemeistert. Murri ist überzeugt, dass es im Ernstfall hätte anhalten können. «Das hat mich erstaunt, wie gut das Auto das gemeistert hat.»
Am Ziel angekommen fällt sein Fazit positiv aus. «Das Fahrzeug ist so programmiert, dass es wirklich sicher unterwegs ist. Es meisterte auch heikle Situationen gut.»

Vor allem bei der Linienwahl merkt er aber noch Unterschiede: Das Auto fährt sehr exakt in der Mitte, während ein Mensch beim Abbiegen das Auto etwas anders positionieren würde.
Trotzdem überwiegt die Begeisterung. «Als Technikfreak bin ich super happy nach so einer Fahrt, weil man sieht, wie es funktioniert und wie man damit arbeiten kann», sagt Murri. «Das hat wirklich Spass gemacht.»
Wann das Projekt öffentlich startet, ist noch offen. Geplant ist es für dieses Jahr. Dann soll kein Sicherheitsfahrer mehr hinter dem Lenkrad sitzen. Überwacht werden die Robo-Autos stattdessen aus einer Zentrale, die in brenzligen oder unklaren Situationen eingreifen kann.












