Mercedes 190 E: Der Babybenz mit dem Anspruch einer S-Klasse
STORYS

Mercedes 190 E: Der Babybenz mit dem Anspruch einer S-Klasse

Der Mercedes 190 E war klein, aber keineswegs günstig entwickelt. Mit S-Klasse-Anspruch, innovativer Hinterachse und Motorsport-Ambitionen wurde der W201 zum technischen Meilenstein.

Welcher Mercedes hat die Marke am stärksten geprägt? Naheliegende Antworten wären der 300 SL, eine frühe S-Klasse oder sogar der erste Motorwagen. GO!-Chefredaktor Sämi Pfister nennt dagegen eine kantige Limousine, die im heutigen Verkehr kaum noch auffallen würde: den Mercedes 190 E.

«Das ist der 190er – auch Babybenz genannt. Diese kompakte, kleine Limousine steht für alles, was wir bis heute positiv mit Mercedes verbinden», sagt Sämi. Gemeint sind aufwendige Technik, hoher Komfort, Sicherheit und eine Entwicklung, bei der die Ingenieure mehr Gewicht hatten als die Kostenrechner.

Ein Mann steht neben der geöffneten Fahrertür eines silbernen Mercedes 190 E auf einem Waldweg.
Der Babybenz fiel deutlich kompakter aus als die etablierten Mercedes-Limousinen. Beim Fahrkomfort sollte die Kundschaft davon möglichst wenig merken. Quelle: GO!

Der intern W201 genannte 190er war das erste kompakte Modell von Mercedes-Benz. Damit ging die Marke ein erhebliches Risiko ein. Bis in die 1970er-Jahre standen Autos mit Stern vor allem für stattliche Abmessungen, hohen technischen Aufwand und entsprechende Preise. Die S-Klasse galt als automobile Referenz. Ein kleiner und günstiger positionierter Mercedes konnte deshalb leicht als Verwässerung des Markenbilds verstanden werden.

Über ein solches Einstiegsmodell wurde intern lange diskutiert. Den entscheidenden Anstoss gaben schliesslich die Ölkrise und strengere Verbrauchsvorgaben in den USA. Mercedes brauchte leichtere und sparsamere Fahrzeuge. Kleiner zu bauen, war nun strategisch sinnvoll. Bei Komfort, Sicherheit und Qualität wollte der Hersteller trotzdem keine Abstriche akzeptieren.

Beim Mercedes 190 E bestimmten Ingenieure den Aufwand

Wie ernst Mercedes den Anspruch nahm, zeigt die Entwicklung der Hinterachse. Für den W201 entstand eine sogenannte Raumlenker-Konstruktion, bei der fünf einzelne Lenker jedes Hinterrad führen. Sie kontrollieren die Bewegungen des Rads besonders genau und verbessern damit Fahrstabilität, Komfort und Traktion. Gleichzeitig benötigt die Konstruktion vergleichsweise wenig Platz – ein entscheidender Vorteil in einer kompakten Limousine.

Mehr als 100 Millionen Mark soll Mercedes allein in die Entwicklung dieser Achse investiert haben. Damit kostete sie mehr als die komplette Entwicklung des damaligen BMW 3er, der technisch stärker auf seinem Vorgänger basierte. Die Hinterachse war für den W201 und den grösseren W124 vorgesehen und wurde zu einem der wichtigsten technischen Merkmale beider Baureihen.

Ein silberner Mercedes 190 E fährt auf einer schmalen Strasse durch eine grüne Landschaft.
Fünf Lenker pro Hinterrad ermöglichten eine präzise Radführung. Das aufwendige System verband Komfort mit hoher Fahrstabilität. Quelle: GO!

Sämi bringt die damalige Firmenkultur zugespitzt auf den Punkt: «Damals sagten nicht die Buchhalter den Technikern, was etwas kosten darf, sondern die Techniker sagten den Buchhaltern, was es kostet.»

Ungewöhnlich war auch, wo die neue Technik debütierte. Hersteller führen teure Innovationen normalerweise zuerst in margenstarken Oberklassemodellen ein. Später wandern sie in günstigere Baureihen. Mercedes ging beim 190er den umgekehrten Weg: Ausgerechnet das neue Einstiegsmodell erhielt eine kostspielige Neukonstruktion.

Dahinter steckte die Sorge, ein kleiner Mercedes könnte dem Ruf der Marke schaden. Der Babybenz sollte deshalb nicht lediglich besser sein als andere Kompaktlimousinen. Er musste sich bei Sicherheit, Komfort und Solidität am eigenen Spitzenmodell messen lassen. Auf die Gegenwart übertragen wäre das ungefähr so, als müsste eine A-Klasse trotz massiv tieferem Preis den Ansprüchen einer S-Klasse genügen.

Die sachliche Form und die für Mercedes ungewohnten Abmessungen stiessen bei einigen Markenfans zunächst auf Skepsis. Im Alltag wurde jedoch rasch deutlich: Der W201 war kein gewöhnlicher Kompakter mit Stern, sondern eine Art geschrumpfte Oberklasselimousine.

Komfortabel im Alltag, ehrgeizig auf der Rennstrecke

Noch heute lässt sich nachvollziehen, wofür Mercedes den Aufwand betrieb. Natürlich fährt sich ein Mercedes 190 E nicht wie ein modernes Auto. Die Lenkung wirkt weniger direkt, die Automatik lässt sich Zeit, und in schnelleren Kurven neigt sich die Karosserie deutlich. Wer sich darauf einstellt, entdeckt jedoch ein ausgewogenes Fahrwerk, das Komfort und kontrolliertes Handling überzeugend verbindet.

«Dieser W201 fährt sich deutlich besser als fast alle anderen Autos dieser Klasse und aus dieser Zeit», urteilt Sämi. Vor allem die Hinterachse sorgt dafür, dass der 190er trotz seiner weichen Abstimmung erstaunlich zügig bewegt werden kann. Die sichtbare Seitenneigung bedeutet nicht, dass das Chassis unpräzise arbeitet. Sie gehört vielmehr zur damaligen Abstimmungsphilosophie, die Federungskomfort höher gewichtete als maximale Straffheit.

Ein silberner Mercedes 190 E fährt unter dunklen Wolken durch eine offene Feldlandschaft.
Auf der Strasse setzte der W201 auf Komfort, im Tourenwagensport zeigte die Baureihe ihre ausgesprochen dynamische Seite. Quelle: GO!

Sportlichkeit war bei der Entwicklung ohnehin eingeplant. Mercedes wollte mit einer verkürzten Version des W201 in der Rallye-Weltmeisterschaft antreten. Doch noch bevor das Fahrzeug fertig entwickelt war, stellte Audi mit dem Quattro-Allradantrieb die bisherige Ordnung auf den Kopf. Gegen die Traktionsvorteile des Allradlers hätte ein konventionell angetriebener Mercedes kaum Chancen gehabt. Das Rallyeprojekt wurde beendet.

Dafür fand der 190 E in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft seine Bühne. Dort lieferte er sich spektakuläre Duelle mit BMW und wurde zu einer prägenden Figur der goldenen DTM-Ära. In einer Saison erzielte der Babybenz Bestwerte bei Siegen, Punkten, Führungskilometern und schnellsten Runden. Aus der komfortablen Einstiegslimousine war ein ernst zu nehmender Rennwagen geworden.

Warum der Mercedes 190 E technisch weit voraus war

Die Form des W201 wirkt heute geradlinig und beinahe schlicht. Für seine Zeit war die Karosserie jedoch aerodynamisch fortschrittlich. Der geringe Luftwiderstand senkte den Energiebedarf bei höherem Tempo und half damit, den Verbrauch zu reduzieren. Genau dieses Ziel hatte die Entwicklung des kompakteren Mercedes ursprünglich angestossen.

Auch bei Leichtbau und Sicherheit setzte der W201 in seiner Klasse Massstäbe. Je nach Modell kamen moderne Vierventil-Benziner und fortschrittliche Dieselmotoren zum Einsatz. Bei Langstreckenfahrten auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke im italienischen Nardò stellte die Baureihe drei Weltrekorde auf. Der unscheinbare Viertürer zeigte damit, dass Effizienz, Haltbarkeit und Tempo keine Gegensätze sein mussten.

Ein silberner Mercedes 190 E fährt auf einer Landstrasse durch eine weite Wiesenlandschaft.
Die Lenkung und Automatik entsprechen nicht mehr heutigen Erwartungen. Das ausgewogene Chassis macht den W201 trotzdem zu einem bemerkenswerten Klassiker. Quelle: GO!

Besonders eindrücklich ist die lange Wirkungsgeschichte der Fahrwerkstechnik. Nach dem Zusammenschluss von Daimler-Benz und Chrysler Ende der 1990er-Jahre gelangten weiterentwickelte Mercedes-Komponenten in amerikanische Modelle. Der Chrysler 300C sowie Dodge Charger und Challenger griffen Teile dieser technischen Linie auf.

Die Zusammenarbeit endete 2007, die technische Verwandtschaft blieb jedoch deutlich länger bestehen. Charger und Challenger nutzten bis 2023 eine weiterentwickelte Form der Mercedes-Hinterachskonstruktion. Sie musste zuletzt selbst in extremen Varianten mit mehr als 1’000 PS bestehen. Damit lebte eine Idee aus einer kompakten Limousine der frühen 1980er-Jahre in brachialen amerikanischen V8-Muscle-Cars weiter.

Für Sämi ist diese ungewöhnliche Karriere ein klarer Beleg für die Qualität der ursprünglichen Konstruktion: «Das sagt alles darüber aus, wie weit diese schlichte Limousine ihrer Zeit voraus war.»

Was Käufer heute am Babybenz fasziniert

Der Mercedes 190 E ist nicht nur wegen seiner Verkaufserfolge, der DTM-Auftritte oder einzelner technischer Lösungen bedeutend. Er verkörpert eine Entwicklungsphilosophie, die sich heute kaum wiederholen liesse: Ein Einstiegsmodell erhielt einen enormen finanziellen und technischen Aufwand, weil es den Ruf der gesamten Marke tragen musste.

Das macht den W201 auch als Klassiker interessant. Sein Reiz liegt weniger in opulenter Ausstattung oder demonstrativem Luxus. Faszinierend ist vielmehr, wie viel Substanz Mercedes in eine bewusst zurückhaltende Limousine packte. Wer heute einen 190er fährt, erlebt keine verkleinerte Luxuskarosse, sondern ein durchdachtes Auto, dessen Qualitäten sich erst beim genaueren Hinsehen und Fahren erschliessen.

Ein Mann lehnt auf einem Waldparkplatz an der Front eines silbernen Mercedes 190 E.
Für Sämi Pfister steht der W201 für eine kompromisslose Ingenieurskultur, die sich unter heutigem Kosten- und Konkurrenzdruck kaum wiederholen liesse. Quelle: GO!

Ein neues Fahrzeug nach demselben Prinzip hält Sämi unter heutigen Bedingungen für unwahrscheinlich. Kundenbedürfnisse haben sich verändert, der globale Preisdruck ist gestiegen, und selbst Premiummarken müssen ihre Entwicklungskosten strenger kontrollieren. Dass Mercedes heute anders kalkuliert, sei daher weniger ein Versagen als eine Folge grundlegend veränderter Marktbedingungen.

«Ein Auto wie dieses, das einfach viel besser, aber halt auch teurer als seine Konkurrenten ist, gibt es heute nicht mehr», sagt Sämi. Genau darin liegt die bleibende Bedeutung des Babybenz: Der kleinste Mercedes sollte sich nie wie ein Sparmodell anfühlen. Um dieses Ziel zu erreichen, entwickelte die Marke eine kompakte Limousine mit einem Aufwand, den sonst oft nur automobile Spitzenmodelle erhielten.