Sommerreifen im Winter: 31 Meter, die alles entscheiden
STORYS

Sommerreifen im Winter: 31 Meter, die alles entscheiden

Bei einer Vollbremsung aus 50 km/h braucht der Sommerreifen im Winter 63 statt 32 Meter. Der Test im Engadin zeigt, dass selbst ein Premiumreifen auf Schnee an grundlegenden Aufgaben scheitert.

31 Meter entscheiden in diesem Fall über Stillstand oder Weiterfahrt. Bei einer Vollbremsung aus 50 km/h stoppt das Auto mit dem Winterreifen (Continental WinterContact 8 S) nach 32 Metern. Mit dem Sommerreifen (Continental SportContact 7) rollt der Wagen unter identischen Bedingungen 63 Meter weit. Obwohl der SportContact 7 ein hochwertiger Sommerreifen ist, benötigt er auf Schnee damit fast den doppelten Bremsweg.

Der Vergleich findet auf einer abgesperrten Strecke in Zernez statt. GO! untersucht in drei Übungen, wie stark sich Sommer- und Winterreifen beim Beschleunigen, Bremsen und Lenken unterscheiden.

Autos mit Sommerreifen im Winter auf einer verschneiten Teststrecke in Zernez.
Der lockere Pulverschnee macht den Vergleich besonders anspruchsvoll und bringt den Sommerreifen früh an seine Grenzen. Quelle: GO!

Die Voraussetzungen sind ausgesprochen schwierig. Frischer Pulverschnee liegt lose auf der Fahrbahn und bietet nur wenig Halt. Bevor die Versuchsfahrzeuge loslegen können, muss ein Pickup die Strecke etwas verdichten. Für Reifenexperte Beat Möschler ist das ein Extremfall: «Die wenigen Lamellen, die der Sommerreifen hat, das geht hier gar nicht.»

Auf einer kompakten, härteren Unterlage könnte sich der Sommerreifen laut Beat etwas besser schlagen. Im lockeren Neuschnee findet sein Profil jedoch kaum Halt. Genau das macht den Versuch so aufschlussreich: Er zeigt nicht bloss kleine Unterschiede zwischen zwei Reifentypen, sondern die Grenzen ihrer jeweiligen Konstruktion.

Sommerreifen im Winter scheitern bereits beim Anfahren

Wie wenig Reserven vorhanden sind, zeigt sich noch vor der ersten Messung. Das Auto mit Sommerreifen lässt sich auf dem losen Schnee nur mühsam positionieren. Sobald die Räder Antriebskraft übertragen sollen, beginnen sie durchzudrehen.

Bei der Beschleunigungsübung kommt der Wagen deshalb nur langsam vorwärts. Einen Wert, der sich sinnvoll mit jenem des Winterreifens vergleichen liesse, erreicht er nicht. Das Fahrzeug mit Winterreifen beschleunigt unter denselben Bedingungen dagegen bis auf 92 km/h.

Fahrzeuge mit Sommer- und Winterreifen beim Beschleunigungstest auf Schnee.
Beim Beschleunigen setzt der Winterreifen die Antriebskraft deutlich besser um, während der Sommerreifen rasch durchdreht. Quelle: GO!

Auch der WinterContact 8 S hat auf flockigem Neuschnee keine idealen Voraussetzungen. Lockerer Schnee bietet dem Profil weniger Widerstand als eine festgefahrene Schneedecke. Trotzdem können die vielen Griffkanten des Winterreifens genügend Traktion aufbauen, damit das Auto kontrolliert Tempo gewinnt.

Für Autofahrer ist das ein wichtiger Punkt: Ein Premiumlabel allein garantiert keine Sicherheit bei jedem Wetter. Der Continental SportContact 7 ist für Dynamik unter sommerlichen Bedingungen entwickelt. Auf Schnee fehlen ihm jedoch die Strukturen im Profil, die nötig wären, um die Leistung des Autos wirksam auf den Boden zu bringen.

Bei 50 km/h wächst der Bremsweg um 31 Meter

Noch drastischer fällt das Ergebnis bei der Vollbremsung aus. Schon die geforderten 50 km/h zu erreichen, ist mit Sommerreifen auf dem losen Untergrund schwierig. Nach dem Tritt auf die Bremse rutscht das Auto weiter und kommt erst nach 63 Metern zum Stillstand.

Der Winterreifen erledigt dieselbe Aufgabe in 32 Metern. Zu dem Zeitpunkt, an dem das winterbereifte Auto bereits steht, hat der Wagen auf Sommerreifen also noch 31 Meter vor sich. Das entspricht mehreren Fahrzeuglängen. Im Alltag könnte diese Distanz den Unterschied zwischen einem rechtzeitigen Stopp und einer Kollision mit beträchtlicher Restgeschwindigkeit ausmachen.

Bremswegvergleich von Sommerreifen im Winter und Winterreifen bei 50 km/h.
Die Messung zeigt den Sicherheitsunterschied klar: 32 Meter mit Winterreifen stehen 63 Metern mit Sommerreifen gegenüber. Quelle: GO!

Das Problem beschränkt sich nicht auf eine schwächere Verzögerung. Ein Reifen ist das einzige Bauteil, das die Befehle des Fahrers auf die Strasse überträgt. Fehlt der Grip, können Bremsen und Assistenzsysteme zwar reagieren – die dafür nötigen Kräfte gelangen aber nur unzureichend auf den Untergrund.

Dass beide Reifen von einem renommierten Hersteller stammen, macht das Resultat umso deutlicher. Der Versuch vergleicht keinen guten mit einem schlechten Reifen, sondern zwei Spezialisten für unterschiedliche Einsatzbereiche.

Warum Lamellen beim Lenken ebenso wichtig sind

Der Vorteil eines Winterreifens zeigt sich nicht nur beim Losfahren und Bremsen. In Kurven muss er auch Seitenführung aufbauen. Diese Kraft hält das Fahrzeug in der gewünschten Spur und verhindert, dass es seitlich über die Fahrbahn schiebt.

Dafür besitzt ein Winterreifen zahlreiche Lamellen. Das sind feine Einschnitte im Profil, die in verschiedenen Winkeln angeordnet sind. Sie bilden zusätzliche Kanten und können sich mit der Schneeoberfläche verzahnen. Davon profitieren alle entscheidenden Fahrmanöver: Beschleunigen, Verzögern und Lenken.

Nahaufnahme eines Winterreifenprofils mit Lamellen und Schnee in den Profilrillen.
Zahlreiche feine Einschnitte schaffen zusätzliche Griffkanten – und helfen dem Winterreifen auch beim Lenken. Quelle: GO!

Ein sportlicher Sommerreifen ist anders ausgelegt. Sein Profil soll bei warmen Temperaturen und auf trockener oder nasser Strasse präzise reagieren. Die Vielzahl und Anordnung der für Schnee nötigen Griffkanten fehlt ihm. Auf der weissen Unterlage kann er deshalb weder in Längs- noch in Querrichtung ausreichend Kräfte übertragen.

Beat beschreibt das Fahrverhalten anschaulich: «Man kann sagen, der schwimmt auf dem Schnee.» Das bedeutet: Der Wagen braucht nicht nur mehr Zeit, um Tempo aufzubauen, und mehr Platz zum Bremsen. Er folgt auch Lenkbewegungen weniger zuverlässig. Gerade bei einem Ausweichmanöver oder in einer Kurve kann dieser Verlust an Seitenführung entscheidend sein.

Die schnelle Runde fällt komplett ins Wasser

Die dritte Übung soll eigentlich zeigen, wie sich die beiden Reifentypen auf einer schnellen Runde verhalten. Beim Auto mit Sommerreifen endet der Versuch jedoch, bevor eine Zeit gemessen werden kann.

Schon beim Start drehen die Räder durch. Gibt der Fahrer etwas mehr Gas, steigt lediglich der Schlupf – das Auto bewegt sich kaum vorwärts. «Du kommst nicht vorwärts», sagt Beat. Schliesslich muss der Wagen aus seiner Lage befreit und abgeschleppt werden.

Drei Männer schieben ein schwarzes Auto mit Sommerreifen durch tiefen Schnee.
Für eine gezeitete Runde reicht die Traktion nicht: Das Auto mit Sommerreifen kommt kaum aus eigener Kraft vom Start weg. Quelle: GO!

Natürlich bildet der lose Neuschnee in Zernez ein bewusst hartes Szenario ab. Die Erkenntnis daraus betrifft aber keine sportliche Grenzsituation. Bereits alltägliche Aufgaben wie Anfahren, Abbiegen oder eine Notbremsung können misslingen, wenn der Reifen nicht zum Untergrund passt.

Genau darin liegt die wichtigste Lehre des Tests: Ein ausgezeichneter Sommerreifen verwandelt sich bei Schnee nicht einfach in einen etwas weniger leistungsfähigen Reifen. Ihm fehlen konstruktionsbedingt jene Eigenschaften, die ein Auto unter diesen Bedingungen kontrollierbar machen. Sein technisches Niveau kann er nur dort ausspielen, wofür er entwickelt wurde.

Wer bei winterlichen Verhältnissen unterwegs ist, braucht deshalb nicht bloss genügend Profiltiefe oder eine bekannte Marke, sondern den passenden Reifentyp. Für Beat ist die Sache eindeutig: Selbst ein guter Sommerreifen hat auf solchem Schnee nichts verloren.